Ausführliche Einführung zu Rupert Sheldrake (aus seinem Buch: Die Seele ist ein Feld, 1996)

Ich bin in Newark-on-Trent in Nottinghamshire, in Mittelengland, geboren und aufgewachsen. Meine Eltern waren fromme Methodisten. Ich ging auf ein anglikanisches Internat. Eine Zeitlang war ich zwischen diesen beiden ganz verschiedenen Traditionen hin- und hergerissen - dem Protestantismus und dem Anglokatholizismus mit Weihrauch und allem Drum und Dran. Aber in erster Linie beschäftigte mich alles Lebendige. Von klein auf interessierte ich mich für Pflanzen und Tiere. Mein Vater war Hobby-Naturforscher und Mikroskopierer, und er hat dieses Interesse gefördert. Meine Mutter hat sich damit abgefunden. Ich hielt zu Hause jede Menge Tiere, und sie sagte, wie Mütter eben zu sagen pflegen: «Alles schön und gut - aber wer füttert sie?» Und natürlich hat letztlich immer sie es getan.

Ich habe schon ziemlich früh gewusst, dass ich Biologe werden wollte, und mich in der Schule auf Naturwissenschaften spezialisiert. Dann ging ich nach Cambridge und studierte Biologie und Biochemie. Doch im Laufe meines Studiums tat sich eine große Kluft auf zwischen dem, was mich ursprünglich dazu inspiriert hatte - nämlich ein Interesse am Leben, an lebendigen Organismen -, und der Art von Biologie, die man mich lehrte: der orthodoxen, mechanistischen Biologie, die im Grunde das Leben von Organismen leugnet und sie wie Maschinen behandelt. Ich musste lernen, dass man nicht emotional auf Tiere und Pflanzen reagieren darf. Man darf sich auf sie nur mit dem distanzierten, objektiven Verstand einlassen, indem man sie seziert oder manipuliert. Es gab anscheinend kaum einen Zusammenhang zwischen dem direkten Erleben von Tieren und Pflanzen und dem, was ich über sie erfuhr. Ich zerlegte sie in immer kleinere Teile, bis hinunter zur molekularen Ebene, und sah, wie sie sich durch blinden Zufall und blinde Kräfte der natürlichen Auslese entwickelten. Nun, dieses Zeug konnte ich natürlich lernen - darin war ich ziemlich gut. Aber der Widerspruch wurde immer größer. Im Fachbereich Biochemie in Cambridge gab es eine Stoffwechselkarte, die die verschiedenen chemischen Reaktionen im Körper zeigte. Und jemand hatte ganz oben in Großbuchstaben hinge schrieben: "ERKENNE DICH SELBST". Dadurch wurde mir klar, welch riesige Kluft zwischen diesen enzymatischen Reaktionen und meinem eigenen Erleben bestand. In der Biochemie brachten wir zuerst die Organismen, die wir studierten, um und zermahlten sie dann, um die DNS, die Enzyme und so weiter herauszuholen. Ich hatte zunehmend den Eindruck, dass da irgend etwas nicht stimmte, aber ich konnte nicht genau sagen, was. Niemand sonst schien Probleme dieser Art zu haben.

Dann lieh mir ein Freund, der Literaturwissenschaft studierte, ein Buch über deutsche Philosophie, das einen Aufsatz über die dichterischen und botanischen Werke von Goethe enthielt. Ich erfuhr, daß Goethe am Ende des 18. und zu Beginn des 19. Jahrhunderts eine ganz andere Art von Wissenschaft vorschwebte, eine ganzheitliche Wissenschaft, die das unmittelbare Erleben und Verstehen in sich vereinte. Sie verlangte nicht, daß man alles in seine Teile zerlegte und die Beweiskraft der eigenen Sinne leugnete. Das versetzte mich in große Erregung - sich vorzustellen, es könnte eine andere Art von Naturwissenschaft geben! Bei dieser Aussicht war ich so Feuer und Flamme, dass ich beschloss, die Geschichte der Wissenschaft und der Philosophie zu studieren, um zu erfahren, warum die Wissenschaft das geworden war, was sie nun war.

Ich hatte das Glück, ein Forschungsstipendium in Harvard zu bekommen, wo ich ein Jahr lang Philosophie und Geschichte studierte. Gerade war Thomas S. Kuhns Buch Die Struktur wissenschaftlicher Revolutionen erschienen, und dieses Werk hatte großen Einfluss auf mich. Es machte mir klar, dass die mechanistische Theorie des Lebens das war, was Kuhn ein Paradigma nennt, ein kollektives Wirklichkeitsmodell, ein Glaubenssystem. Kuhn zeigt, dass in Zeiten revolutionärer Veränderungen alte wissenschaftliche Paradigmen stets durch neue ersetzt wurden. Und wenn sich die Wissenschaft in der Vergangenheit radikal gewandelt hatte, dann konnte sie das in der Zukunft ja auch wieder tun. Das fand ich sehr aufregend. In Harvard fühlte ich mich sehr wohl. Schon bald hatte ich gemerkt, dass man Studenten in den USA wie Kinder behandelte, ihnen genau sagte, was sie lesen sollten, und sie dann prüfte, um sicherzugehen, dass sie dies auch getan hatten. In England war mir das nicht mehr passiert, seit ich fünfzehn war. Mir gefiel dieses System überhaupt nicht. Daher kam ich zu dem Schluss, daß ich den Master-Titel, den ich hier erwerben sollte, gar nicht brauchte. (Ich konnte mir sowieso einen von der Universität Cambridge kaufen. Wenn man einen BA von Cambridge hat, muss man nur zwei Dinge tun, um einen MA zu bekommen: drei ein Drittel Jahre am Leben bleiben und fünf Pfund sparen - denn soviel kostet der Titel.) Infolgedessen verbrachte ich ein wunderbares Jahr in Harvard, frei von der Tyrannei der Examen, Tests und so weiter. Ich konnte genau das tun, was mir gefiel, mir alle Vorlesungen über sämtliche Themen anhören, alles lesen. Es war großartig. Leider machen nur ganz wenige Menschen diese Erfahrung an Universitäten, weil sie sich fast immer in die Tretmühle begeben. Harvard verhalf mir zu einem neuen Blick auf die Dinge. Ich sah, dass die Wissenschaft historisch bedingt war, dass sie sich in der Vergangenheit gewandelt hatte und sich wieder wandeln konnte. Dann ging ich nach Cambridge in England zurück und promovierte über die Entwicklung der Pflanzen, unter besonderer Berücksichtigung der in ihnen wirksamen Hormone.

Um diese Zeit lernte ich eine Gruppe kennen, die sich Epiphany Philosophers nannte und mit einem anglikanischen Kloster zusammenhing, das Community of Epiphany hieß. Diese aus Philosophen, Physikern und Mystikern bestehende Gruppe erforschte gemeinsam - und sie tut das noch immer - die Gebiete zwischen mystischer Erfahrung, Philosophie und Naturwissenschaft. Das war genau das, was mich interessierte, darum fand ich diese Gruppe sehr hilfreich und anregend. Allerdings war dies eine überwiegend christliche Gruppe, und ich war kein Christ. Ich war Atheist. Als ich etwa vierzehn war, hatte mich mein Biologielehrer davon überzeugt, dass die Religion ein Stück Vergangenheit war - die Zukunft gehörte der Wissenschaft. Die Religion fesselte den Menschen an den Aberglauben, an Priester und Dogmen, die Wissenschaft hingegen befreite ihn und befähigte ihn dazu, in eine neue Ära des Wohlstands und der Brüderlichkeit voranzuschreiten. Der technische Fortschritt würde diese Art von Himmel auf Erden herbeiführen, mit Hilfe des menschlichen Verstandes und nicht durch blinden Glauben und sonstigen Hokuspokus. Nun, es war eine schöne Vorstellung, dass ich zur Vorhut dieser heroischen Befreiungsbewegung gehörte. Ich machte mir eine optimistische, atheistische und humanistische Haltung zu eigen, und zwar für lange Zeit. Es handelt sich dabei um eine sehr fest verankerte Geisteshaltung, wenn man sich einmal auf sie eingelassen hat. Daher interessierte auch, als ich mich den Epiphany Philosophers anschloss, der christliche Aspekt nicht besonders, um so mehr taten dies die neuen Ideen in der Quantentheorie, der Wissenschaftsphilosophie, der Parapsychologie, der alternativen Medizin und der holistischen Naturphilosophie. Dies waren einige der Themen, über die wir in den sechziger Jahren diskutierten. Wir lebten eine Woche lang wie eine Art Kommune in einer alten Windmühle an der Küste von Norfolk, und dies viermal im Jahr. Wir bildeten eine interessante Mischung aus Studenten, Hippies und Heilern, exzentrischen Professoren, Physikern und Mönchen, die alle in der Lage waren, miteinander zu reden und diese gemeinsamen Erkundungen vorzunehmen. Ich fuhr mit meinen Studien zur Entwicklung der Pflanzen fort und wurde Forschungsstipendiat am Clare College in Cambridge sowie bei der Royal Society. Ich bin sehr dankbar für die ungeheure Freiheit, die mir das verschaffte. Sieben Jahre lang lebte ich in Räumen aus dem 17. Jahrhundert, die sich um einen wunderschönen Innenhof gruppierten. Alle Mahlzeiten wurden für mich zubereitet. Ich musste nur warten, bis eine Glocke läutete, dann ging ich einfach über den Hof, legte meinen akademischen Talar an und bekam an einer langen Tafel köstliches Essen serviert, mit hervorragendem Wein aus den gut bestückten Collegekellern. Nach dem Essen tranken wir Portwein in einem holzgetäfelten Raum, dem so genannten Combination Room, und unterhielten uns stundenlang. Da die Stipendiaten allen möglichen Fachrichtungen angehörten, gab es viele Gelegenheiten zu interdisziplinären Diskussionen. Es war völlig mir überlassen, welchen Forschungen ich mich widmete. Im ersten Jahr ging ich nach Malaysia, weil ich Pflanzen in Regenwäldern studieren wollte. Auf dem Weg dorthin machte ich in Indien und Sri Lanka Station, und das hat mir eigentlich die Augen geöffnet. Das Leben in Asien erschloss mir völlig neue Möglichkeiten, die Welt zu betrachten. Als ich wieder in Cambridge war, fuhr ich mit meiner Arbeit über die Entwicklung der Pflanzen fort. Dabei war ich immer mehr davon überzeugt, dass die mechanistische Methode im Hinblick auf das Verstehen der Entwicklung lebendiger Organismen einfach nicht funktionieren kann. Ich begann, mich mit der holistischen Tradition in der Biologie zu befassen, einer Minderheitsposition, die es aber immer gegeben hat. Dann fing ich an, die Theorie der morphischen Resonanz zu formulieren, der Grundlage des Gedächtnisses in der Natur, an der ich seither hauptsächlich arbeite. Die Idee dazu kam mir blitzartig, und das Ganze war äußerst aufregend. Einige meiner Kollegen am Clare College interessierten sich dafür - die Philosophen, Linguisten und Altphilologen waren da ziemlich aufgeschlossen. Aber bei meinen Kollegen in den naturwissenschaftlichen Laboratorien dagegen kam die Idee von geheimnisvollen, telepathieartigen Verbindungen zwischen Organismen und von einem kollektiven Gedächtnis innerhalb einer Spezies nicht sehr gut an. Sie verhielten sich keineswegs feindselig - sie machten sich einfach darüber lustig. Immer, wenn ich zum Beispiel sagte: "Ich muss rasch mal telefonieren gehen", meinten sie: "Ha, ha, warum dieser Aufwand? Mach's doch mit morphischer Resonanz!" Ich erkannte, dass eine neue Art von Wissenschaft vonnöten war, und es ermutigte mich, als ich zu entdecken begann, wie sie aussehen könnte. Mir wurde klar, dass mein künftiges Interesse nicht der Biochemie gelten würde. Ich wollte etwas ganz anderes machen, mit vollständigen Organismen arbeiten und vor allem etwas tun, was auch nützlich war. Ich gab mein Stipendium in Cambridge auf und nahm einen Job in einem internationalen Landwirtschaftsinstitut in Hyderabad in Südindien an, wo ich mich rund sechs Jahre lang mit der Physiologie tropischer Gemüsepflanzen befasste und dabei letztlich die Erträge für die Bauern in Indien verbesserte. Dies war eine großartige Gelegenheit, auf den Feldern zu arbeiten, Pflanzen kennen zu lernen, die draußen das ganze Jahr über wuchsen. Es war eine Erfahrung, die sich völlig von der Arbeit mit kleinen Teilchen im Laboratorium unterschied, wo man sie von all den realen Lebensfaktoren isolieren kann, die in der Welt der Landwirtschaft nur zu offenkundig sind. Doch ich nahm den Job in Hyderabad hauptsächlich deshalb an, weil ich in Indien sein wollte. Ich interessierte mich inzwischen schon für indische Philosophie und begann, mich mit Transzendentaler Meditation zu befassen. Ich fühlte mich zu den Hindutraditionen hingezogen. Daher ging ich nach Indien, lebte dort und arbeitete in der Landwirtschaftsforschung. Und es gefiel mir. Dabei dachte ich weiter über meine ketzerischen Ideen im Hinblick auf die Biologie nach, bis ich meiner Meinung nach soweit war, ein Buch darüber zu schreiben. Ich wollte Indien zwar nicht verlassen, aber ich musste meinen Job aufgeben, der mich den ganzen Tag in Beschlag nahm, so dass ich keine Zeit hatte zu schreiben. In dieser Phase begegnete ich jemandem, der eine große Rolle in meinem Leben spielen sollte - Pater Bede Griffiths, einen englischen Benediktinermönch, der in einem kleinen christlichen Aschram tief im Süden von Indien lebte und die christliche mit der östlichen Tradition verband. Während meiner Zeit in Indien hatte ich es mit verschiedenen Hindu-Gurus und -Aschrams zu tun, ebenso mit Sufis in Hyderabad, das seit vielen Jahrhunderten eine Hochburg des Sufismus ist. Ein sehr guter Freund von mir war ein Sufi, ein alter, ganz reizender Mann, der mein Lehrer war Aber merkwürdigerweise fühlte ich mich trotz allem wieder zur christlichen Tradition hingezogen. Mir wurde klar, dass ich nie wirklich ein Sufi werden konnte, weil man ein Moslem werden muß, um ein Sufi zu werden, und diese Rolle war für mich undenkbar Ich konnte kein Hindu werden, weil ich kein Inder sein konnte. Doch gleichzeitig begann ich einen neuen Sinn in der christlichen Tradition zu entdecken, die ich so lange abgelehnt hatte. Als ich Pater Bede Griffiths kennen lernte, erleichterte er es mir sehr, die Brücke zwischen den beiden Traditionen zu überschreiten. Ich ging in seinen Aschram und lebte dort eineinhalb Jahre lang, dann schrieb ich mein erstes Buch, Das schöpferische Universum, das ihm, der 1993 in Indien starb, gewidmet ist. Anschließend nahm ich eine Teilzeitbeschäftigung in meinem alten Beruf in Indien an und befaßte mich daneben mit morphischer Resonanz und ganzheitlichen Ideen in der Biologie. Seither mache ich nichts anderes. Ich habe meine Frau Jill in Indien kennen gelernt, und wir haben viele gemeinsame Interessen. Einige Forschungsarbeiten haben wir gemeinsam unternommen. Mit unseren beiden Söhnen emigrieren wir jedes Jahr nach Nordamerika. Inzwischen habe ich drei weitere Bücher geschrieben: Das Gedächtnis der Natur, worin das Konzept des Gedächtnisses auf die Natur ausgeweitet wird; Die Wiedergeburt der Natur, worin gezeigt wird, wie wir uns die Natur wieder als lebendig vorsteilen können statt als tot und mechanisch; und Sieben Experimente, die die Welt verändern könnten. In diesem letzten Buch konzentriere ich mich auf Gebiete, auf denen einfache, kostengünstige Forschung Entscheidendes bewirken kann. Ich glaube nämlich, dass nur durch Unabhängigkeit der wahre Forschergeist wiederzubeleben ist. Die Naturwissenschaft wurde in der Vergangenheit hauptsächlich von Amateuren betrieben. Heute ist sie vollkommen professionalisiert, aber das muss nicht so bleiben. Eines meiner Hauptinteressen gilt der Öffnung der Wissenschaft, ein anderes der Erkundung der Zusammenhänge zwischen Wissenschaft und Spiritualität, und ich bin besonders dankbar für die Gelegenheit, mich dem zusammen mit Matthew Fox zu widmen.